Ihr könnt euch nicht entscheiden, ob kirchliche Trauung oder doch eine freie Trauung? Das kann ich gut verstehen, ist es doch eine wichtige Frage. Daher finde ich, ist es an der Zeit mir auf diesem Gebiet einen Profi an die Seite zu holen und ihm genau diese Frage zu stellen: Nikolai Kohler ist freier Trauredner, führt aber auch kirchliche Trauungen durch. Nein, er ist kein Pfarrer… noch nicht. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und schreibt gerade seine Doktorarbeit in Theologie. Zum Trauredner wurde er irgendwie, aber eigentlich doch nicht irgendwie? Lassen wir ihn das und ob kirchliche oder freie Trauung einfach selbst erzählen:

Niko, wie kam es dazu, dass du Trauredner wurdest?

Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, dass ich da Stück für Stück reingewachsen bin. Vor einigen Jahren hat mich das erste Mal ein Paar gefragt, ob ich Lust hätte, bei ihnen die Trauansprache zu machen. Das hat sich herumgesprochen und dann hat wieder ein Paar gefragt. Und dann wieder. Und irgendwann hab ich gemerkt: Hey, das macht mir richtig Spaß, das könnte ich doch zu einem Job machen. Und dann war ich plötzlich Trauredner. 🙂

Was beeindruckt dich bei der Arbeit mit den Brautpaaren in Spe am meisten?

Eindeutig die einzigartigen Geschichten der Brautpaare. Kein Paar ist wie das andere. Allein in diesem Sommer traue ich schon wieder so unterschiedliche Paare: ein Paar, wo beide schon mal verheiratet waren; ein Paar, wo sie Türkin ist und er Grieche; ein Paar, wo er in Amerika wohnt und sie in Deutschland; ein Paar, wo sich beide über das Internet kennengelernt haben; ein Paar, wo beide seit über 10 Jahren zusammen sind; usw. Es sind so unterschiedliche Geschichten – jedes Mal einmalig besonders. Was mich fasziniert, ist, dass trotz all dieser Unterschiede jedes dieser Paare entschieden hat, aus Liebe für immer miteinander zusammenzubleiben. Wie kam es dazu? Was motiviert die beiden? Warum dieses Versprechen? Das ist so spannend!

Was zeichnet für dich die perfekte freie Trauung aus?

Die perfekte freie Trauung ist für mich eine Trauung, in der sich das Brautpaar voll wiederfindet. Beide müssen innerlich sagen können: „Das passt zu uns. Das sind wir. Das ist unsere Sprache.“ Das Brautpaar soll sich in der Zeremonie der freien Trauung so wohl fühlen wie in einer bequemen Lieblingshose. Das ist die Voraussetzung. Damit die freie Trauung aber wirklich zu etwas Besonderem wird, braucht es meiner Meinung nach noch mehr. Bei meinen Trauungen will ich die Brautpaare abholen und einen Rahmen schaffen in dem sie sich pudelwohl fühlen. Aber dann ist es mein Ziel, in der Zeremonie gemeinsam mit ihnen noch einen Schritt weiter zu gehen. Ihnen etwas zu zeigen von dem, wo sie reinwachsen können. Ihnen ein Bild von Ehe vor Augen zu malen, das sie inspiriert und motiviert. Ihnen eine Krone auf den Kopf zu setzen, die so groß ist, dass sie nur gemeinsam reinwachsen können. Über dieses „Mehr“ zu reden, kann ich nicht, ohne auch über Gott zu reden. Denn Gott ist für mich der, der der ganzen Trauung erst das gewisse Etwas gibt, die Tiefe (und die Höhe).

Ich habe mit einigen Brautpaaren gesprochen, die in der freien Trauung den Abstand zur Kirche suchen, weil sie «nicht an Gott glauben, der ihnen aus der Kirche in Erinnerung geblieben ist». Kommt dir das bekannt vor?

Ja voll. Viele der Paare, die ich traue, sind aus der Kirche ausgetreten oder haben schlechte Erfahrungen mit der Kirche/ dem Glauben gemacht. Wenn ich dann mit ihnen rede und frage, an welchen Gott genau sie denn nicht glauben, stelle ich witzigerweise fest: „Also an den glaube ich auch nicht.“ Insofern bin ich im Blick auf gewisse Gottesbilder bewusster Atheist. 😉 Meine Erfahrung ist, wenn man ehrlich, normal und authentisch darüber spricht, welche Fragen, Ängste, Wünsche und Hoffnungen ein Brautpaar beschäftigen, man ganz schnell bei den größeren Fragen des Lebens ankommt.

Und dann stellt sich auf die eine oder andere Weise immer auch die Frage nach Gott. Beim Thema „Gott“ macht wie bei kaum einem anderen Thema der Ton die Musik. Schon oft hab ich erlebt: Wenn man einen schönen Ton anstimmt, kann es sogar passieren, dass manch einer nachher mitsummt, der vorher noch gesagt hat, er sei eigentlich ganz unmusikalisch.

Du schreibst gerade deine Doktorarbeit in Theologie. Welche Rolle spielt Gott einerseits für dich als Person und andererseits in Bezug auf das Thema Hochzeit und Ehe?

Hmm…das ist eine spannende Frage und gar nicht so einfach, in ein paar Sätzen auf den Punkt zu bringen. Aber ich versuch’s. 🙂 Gott spielt für mich in meinem Leben eine zentrale Rolle. Warum? Weil ich glaube, dass ich nicht einfach so zufällig auf diese Welt gepoppt bin, sondern, dass es einen Gott gibt, der mich erschaffen hat und der mich mindestens so arg liebt, wie ich meine zwei Kinder. 🙂 Jesus (er ist für mich das Gesicht Gottes) ist deshalb der Boden auf dem ich stehe, sowas wie meine Hauptschlagader.

Ich persönlich kann nicht über „Hochzeit und Ehe“ reden ohne auch über Gott zu reden. Für mich ist er der, der in uns überhaupt diese verrückte Idee weckt, mit einem Menschen für immer zusammen bleiben zu wollen. Ich glaube, dass Gott die Liebe ist. Wenn wir einen anderen Menschen von ganzem Herzen lieben, haben wir Anteil an seiner Liebe. Und wenn wir einander vergeben, eine neue Chance geben, haben wir Anteil an seiner Vergebung. Lieben und vergeben können wir meiner Meinung nach nur, weil wir von ihm diese Liebe und Vergebung empfangen. Er ist für mich sozusagen die Steckdose, von der unsere Liebesbeziehung den Strom kriegt.

Du kennst und machst beides: Freie Trauungen und Trauungen in der Kirche. Viele Paare sind unsicher, was am besten zu Ihnen passt? Welche Fragen müssen sich Brautpaare stellen, um festzustellen, welche zeremonielle Art der «Hochzeit» sie wählen sollen?

Ich finde es enorm wichtig, dass die Brautpaare sich wohl fühlen in ihrer Zeremonie. Sie sollen sich entspannen und den Moment voll genießen können. Das ist die Voraussetzung dafür, dass etwas von der Zeremonie hängen bleibt. Deshalb würde ich immer fragen: Wo fühlt ihr euch sicher? Und die Antwort auf diese Frage hängt eigentlich immer an den Personen, die mitwirken. Also an der Frage: Wem vertraut ihr? Deshalb hängt es meiner Meinung nach also nicht so stark am Ort, sondern an den Menschen, die die Zeremonie gestalten. Da muss die Chemie und Sympathie einfach passen. Dann ist es eigentlich egal, ob man in einer Kirche, Kathedrale, Festhalle, Gartenloggia, Scheune oder Schlossanlage heiratet.

Was möchtest du abschliessend noch loswerden?

Hallo liebes Brautpaar! Erstmal: Ich freu mich, dass ihr heiraten wollt. Wirklich. Was für ein Geschenk, dass ihr jemanden gefunden habt, mit dem ihr euch vorstellen könnt, den Rest eures Lebens zu verbringen. Und dann: Seid euch bewusst, dass die Trauzeremonie enormes Gewicht hat! Sie prägt meiner Erfahrung nach die Stimmung des ganzen Tages und kann euch wie eine Feder in alle möglichen Richtungen katapultieren. Wenn sie fröhlich, romantisch und inspirierend ist, überträgt sich diese Stimmung auf euch und eure Gäste und ihr startet so in eure Ehe. Deshalb: Engagiert nicht den Erstbesten, sondern hört auf euer Bauchgefühl! Ihr müsst das Gefühl haben, dass ihr eurem Redner/eurer Rednerin voll vertrauen könnt und dass er wirklich was zu sagen hat. Und dann hab ich noch ein paar andere Dinge, die ich euch gerne mitgeben würde, aber die sag ich euch am liebsten mal persönlich (gerne auch in der Schweiz)…

Mehr zu Niko unter https://www.nikolaikohler.de/